Christian Wiedemann

Kapitel 1: Ein Experiment mit ungewissem Ausgang?

Man schreibt das Jahr 1977: Der Bundespräsident der BRD heißt Walter Scheel, man bezahlt mit der D-Mark und der Herbst diesen Jahres geht aufgrund des RAF Terrors als „Deutscher Herbst“ in die Geschichtsbücher ein. Das Blasorchester Dürscheid, entstanden aus der ehemaligen Schützenkapelle, steckt in großen Schwierigkeiten. Der langjährige und äußerst erfolgreiche Dirigent des Orchesters, Willi Rupp, seines Zeichens Solo-Klarinettist des WDR Orchesters und weit über die Grenzen Kürtens hinaus bekannt, hat den Verein verlassen. Mit ihm geht eine ganze Anzahl weiterer Musiker. Was tun?

Diverse Bewerber für den vakanten Dirigenten-Posten werden vom Vorstand unter die Lupe genommen, doch keiner der Kandidaten kann überzeugen. Der 22-jährige Christian Wiedemann, seit Jahren selbst Mitglied des Orchesters im Flötenregister, befindet sich in dieser Zeit noch im Studium an der Musikhochschule im Fach Flöte, Nebenfach Klavier. Ganz sicher war es ein großes Wagnis, einem so jungen, unerfahrenen Musiker das Dirigat eines solch ambitionierten Orchesters zu übertragen.

Nach eigenen Aussagen hat sich Christian das Dirigieren autodidaktisch beigebracht, denn als Studienfach hatte er es nicht belegt. Dass er in Bezug auf Musik jedoch ganz sicher ein absolutes Ausnahme-Talent besaß, wurde bereits im Kleinkindalter erkannt. Durch die musikaffinen Eltern, besonders den Vater, der gerne ein eigenes Familien-Ensemble mit Christian und seinen beiden jüngeren Brüdern etablieren wollte, erhielt er bereits in früher Jugend Flöten- und Klavierunterricht. Die Entscheidung, Musik zum Beruf zu machen, wurde bereits früh getroffen und so kam es, dass Christian zeitgleich mit den Abiturklausuren die Aufnahmeprüfung zur Musikhochschule bestand. Eigentlich war eine Karriere als Flötist angedacht…… dann aber kam die Anfrage des Vorstands, ob Christian nicht die Dirigentenstelle im Blasorchester übernehmen wolle?! Welch ein Glück für das Orchester, dass Christian hier zusagte!

Das Blasorchester Dürscheid hatte sich unter dem bisherigen Leiter von der Schützenkapelle zu einemangesehenen Klangkörper entwickelt, der auf hohem Niveau anspruchsvolle Blasmusik darbieten konnte. Würde man dieses Level halten können? Selbst innerhalb der Familie gab es Widerstand:

Georg, der 5 Jahre jüngere Bruder, kam anfangs mit der neuen Situation „Bruder jetzt auch Dirigent“ nicht sonderlich gut zurecht. Da konnte dann auf eine Anweisung des Dirigenten hin schon mal die Antwort „Mach doch selbst“ kommen… Erst ein mahnendes Gespräch durch den damaligen Vorsitzenden brachte den kleinen Bruder wieder auf Spur.

2. Kapitel: Tops

Von der ersten Probe an folgte Christian dem von Willi Rupp eingeschlagenen Weg: Das Repertoire von den ursprünglichen typischen „Blasmusik“ Klängen auf möglichst viele verschiedene Musik Genres auszuweiten: Bearbeitungen klassischer Werke, moderne Orchester Literatur, volkstümliche Melodien, Filmmusiken etc. Dabei legte er von Beginn an Wert auf ein hohes musikalisches Niveau in Bezug auf Harmonie in den Registern, Ausgewogenheit der Instrumente, technisch saubere Ausführung auch schwerster Arrangements. Das diese Anstrengungen aller Beteiligten sich auszahlte, zeigten diverse deutschlandweite Wertungsspiele, an denen das Orchester in der Höchststufe teilnahm; Darunter 1981 das erste Wertungsspiel in Heilbronn, bei welchem das BOD unter seiner Leitung als einziges Orchester die volle Punktzahl von 120 möglichen Punkten erreichte.

Brilon, Münster, Würzburg, München: Die Liste der überregionalen Wettbewerbe, an denen die Musiker aus Dürscheid unter der Leitung von Christian Wiedemann in der Höchststufe mit großem Erfolg teilnahmen, ist lang. Zuletzt errang man 2016 beim Landesmusikwettbewerb in Soest Platz 1.

Doch der „Erfolg“ eines Dirigenten lässt sich nicht alleine anhand gewonnener Punkte oder Platzierungen definieren: Mindestens ebenso wichtig ist die tägliche Arbeit mit den Musikern, die Vorbereitung auf jede Probe, die sorgfältige Auswahl der Stücke, die Umsetzung und Ausarbeitung unterschiedlichster Musikrichtungen, deren Anpassung an das Orchester, das intensive Proben auch kleinster Sequenzen und noch vieles mehr! Hier liegt sicherlich eine der größten Stärken von Christian: Egal, wie unspielbar wir Musiker das ausgehändigte neue Stück einschätzen, auf der Generalprobe spätestens erschließt sich uns die Schönheit dieses Werkes. Das ist für mich jedes Mal ein kleines Wunder und das verdanken wir nur Christian!

3. Kapitel: Flops

Eines vorweg: Wenn ich hier von einigen „Flops“ während Christians Zeit als Dirigent des BOD erzähle, versichere ich, dass das Publikum von diesen „Ausrutschern“ nicht das Geringste mitbekommen hat. Und letztendlich war auch nie Christian für den Fehler verantwortlich, sondern immer einer von uns…..

1. Beispiel: Bundeswettbewerb für Blasorchester in Münster: Oboen Aushilfe für wichtiges Solo im Pflichtstück soll direkt zum Wettbewerb kommen, kommt aber nicht?! Was tun? Kurzfristig wird der erste Trompeter dazu verdonnert, ohne jede Probe das Oboen-Solo zu übernehmen.

2. Christians Komposition eines Potpourris aus griechischen Volksstücken: Jeder Musiker, der einmal ein Stück aus der Feder von Christian selbst spielen durfte (oder musste), weiß, wie gerne er extraordinäre Taktmaße einsetzt! Bei einem unserer sinfonischen Konzerte in Herkenrath sollte diese neue Komposition erstmals aufgeführt werden. Beginnend mit einem Fagott-Solo mit wechselndem Taktmaß sollten die anderen Register nach und nach dazu kommen. Leider hat das Fagott schon nach wenigen Takten völlig den Überblick über das Geschehen verloren….. Ich erinnere mich noch sehr genau daran, wie wir uns alle erschrocken und fragend ansahen und tatsächlich aus einer der hinteren Reihen deutlich die Frage an uns vorne kam: „Weiß einer wo wir sind?“

3. „Ein Solist muss aufstehen für das Solo!“ Wieder ein sinfonisches Konzert in Herkenrath. Im zweiten Teil des Programms werden moderne Stücke gespielt, unter anderem auch die beliebten „Krimithemen“ mit einem wunderbaren Tenor-Sax Solo. Ein Solo kommt beim Publikum noch viel besser an, wenn man den Solisten gut sehen kann. Aufstehen beim Solo ist aber nicht jedermanns Sache und wir haben den Solisten mit Engelszungen bearbeitet, damit er uns und dem Publikum diesen Gefallen tut. Leider hat er beim Aufstehen seine Noten aus dem Blick verloren und weil er sich ja nicht gut tonlos einfach wieder setzen konnte, hat er improvisiert: Er hat irgendetwas völlig anderes als in den Noten stand gespielt. Dies aber mit einer derartigen Überzeugung, dass es im Publikum niemand bemerkte. Wir Mitspieler und vor allem Christian jedoch sehr wohl: Es ist alleine unserem Dirigenten zu verdanken, dass das Stück nicht abgebrochen, sondern an irgendeinem Punkt wieder zusammen geführt wurde. Das Publikum war von dem Stück begeistert und der Solist durfte sich wieder setzen.

4. Kapitel: Weitere musikalische Aktivitäten

Noch während der Studienzeit gründetet Christian 1979 zusammen mit einigen Studienkollegen das „Marsyas Quintett“, ein klassisches Bläserquintett bestehend aus Querflöte, Klarinette, Oboe, Fagott und Horn. Das ambitionierte Ensemble erreichte binnen kürzester Zeit einen hohen Bekanntheitsgrad in der Klassikszene. Dies gipfelte in einem 3. Preis beim Kammermusikwettbewerb 1981 in Martigny in der Schweiz. Leider trennten sich die Wege der Mitglieder nach Beendigung des Studiums und das Marsyas-Quintett löste sich auf. Auch Christian schloss 1981 sein Musikstudium ab und zwar mit der Note „Sehr gut“. Nach einem Jahr mit Bewerbungen wurde zufällig in Herrenstrunden eine Stelle als Küster und Chorleiter ausgeschrieben. Von Hause aus mit der katholischen Liturgie vertraut, bot diese Arbeit Christian die Möglichkeit, neben seiner Tätigkeit für die Pfarrei St. Johannes der Täufer, weiterhin das Blasorchester Dürscheid dirigieren zu können.

5. Kapitel: Kompositionen

Neben den Instrumental-Studien interessierte sich Christian auch für Komposition und Dirigat. Was sicher die meisten von uns nicht wissen: Diese beiden Fächer gehörten nicht zu seinem Studium, also arbeitete er hier rein autodidaktisch! Wer jemals als Musiker eine von Christians Eigenkompositionen spielen durfte (oder musste….) wird zwangsläufig sein Faible für ungewöhnliche Taktarten und Tonarten kennengelernt haben. Sein Kompositionsstil hat für uns Laien schon einen extrem hohen Schwierigkeitsgrad. Es ist also kein Wunder, dass die Fachwelt sein Werk „Dido und Aeneas“ 1997 mit dem 2. Preis beim Kompositionswettbewerb Baden-Württemberg ausgezeichnet hat!

Alle seine Werke oder auch nur die bekanntesten Kompositionen Christians aufzulisten, würde den Rahmen sprengen, daher verweise ich zu diesem Thema an Christians eigenen Bericht über seine Arrangements und Kompositionen. (zu finden im Anhang dieses Reports; Prädikat: sehr lesenswert!).

6.Kapitel: Veränderungen

Wenn der Vorstand des Blasorchesters in den Anfangsjahren neue Mitglieder für das Jugendorchester rekrutieren wollte, ging man zu den Eltern der Kinder nach Hause, drückte dem Kandidaten ein Instrument in die Hand und erklärte den Eltern, wann und wo der Unterricht ab nächster Woche stattfinden würde. So einfach war das! Die Wahl des Instrumentes richtete sich dabei nach den Anforderungen des Orchesters, eventuell anderslautende Kinderwünsche spielten lediglich eine untergeordnete Rolle…..

Um vom Jugendorchester ins „große“ Orchester zu wechseln, musste der Jungmusiker dem Dirigenten alleine vorspielen. Heute kaum vorstellbar….. Unsere Klarinettistin kann sich noch sehr genau an die furchtbare Nervosität erinnern, die sie befiel, als Christian sie als Jugendliche in den Ferien an einer Frittenbude ansprach und ihr sagte, sie solle nach Ostern bei ihm für das große Orchester vorspielen!

Wie jedes Laienorchester muss auch das Blasorchester Dürscheid mit dem Umstand leben, dass eine ständige Fluktuation unter den Musikern herrscht: Die Musiker aus dem eigenen Nachwuchs verließen das Orchester früher regelmäßig in Richtung Bundeswehr, heute eher in Richtung Studium; Die älteren Orchestermitglieder geben ihr Hobby aus Altersgründen auf und bei vielen Mitgliedern in mittleren Alter lassen sich Beruf und Orchester nicht mehr vereinbaren. Ganz sicher ist dies für den Dirigenten ein großes Problem, denn ein eingespieltes Orchester kann im nächsten Jahr aufgrund von Austritten und Neueintritten musikalisch ganz anders aussehen. Dass Christian es trotz dieser Widrigkeiten geschafft hat, das hohe musikalische Niveau des Blasorchesters Dürscheid über vierzig Jahre nicht nur zu erhalten, sondern ihm auch seinen eigenen Stempel aufzudrücken, ist absolut bemerkenswert.

7. Kapitel: Zitate und Anekdoten

– Wenn es ihm mal wieder viel zu laut ist, kommt von Christian gerne der Spruch von „Hacki und seinen Freunden“, sprich: Nicht mit brachialer Gewalt musizieren.

– Triennale in Köln: Gespielt wird ein ultramodernes Stück. Die Musiker suchen verzweifelt die richtigen Töne. Christian: „Wenn ich eins hasse, sind es falsche Töne in modernen Stücken“. Ach so, nur da? (Anmerkung des Autors: Gerade bei „modernen“ Kompositionen ist es wahrscheinlich richtig, wenn es falsch klingt….)

– Wir spielten den 2. Satz von Tirol 1809: Beim „Kampf am Berg Isel“ wird Kanonendonner durch die große Trommel imitiert. Der Jungschlagzeuger schlug Christian viel zu zaghaft auf sein Schlagwerk. Christians Kommentar: „Jetzt schlag mal kräftig auf die dicke Trommel! 1809 wurde noch mit echten Kanonen geschossen und nicht mit Laserschwertern!“

– Ab und zu zeigt Christian den Trompeten den Mittelfinger! Aber keine Angst, hierbei handelt es sich nicht um eine obszöne Geste…. Vielmehr weist er die Musiker darauf hin, dass sie bitte gefälligst ein „Fis“ statt einem „F“ spielen mögen. Ein Fis auf der Trompete wird nur mit dem 2. Ventil, also dem Mittelfinger gegriffen.

– Loben ist nicht unbedingt Christians Sache. Ein gemurmeltes : „Das muss ja gut für euch liegen…“ zu einem fehlerfrei gespielten Sechzehntel-Lauf der Saxophone muss reichen als Anerkennung.

Schlusswort und mein persönliches Fazit:

Christian ist und war ein absoluter Glücksfall für das Blasorchester. Er hat das Orchester zu einem weit über die Grenzen Dürscheids hinaus bekannten Ensemble geformt. Sein Dirigat ist zu jedem Zeitpunkt ruhig, konzentriert und souverän. Er schafft es, uns Musikern auch die schwersten und auf den ersten Blick unspielbaren Werke durch seine intensive Probenarbeit nah zu bringen. Dass er dabei auch noch selbst arrangiert und komponiert macht ihn zu einem einzigartigen Orchesterleiter. Dabei ist er auch immer der „Junge aus dem Dorf“ geblieben: An den Ausflügen und Touren hat er gerne teilgenommen. Hier ist er dann nicht der Chef, sondern einer von uns. Legendär ist zum Beispiel seine Teilnahme am Paddelrennen auf der Sieg, wo er im Boot der „grauen Eminenzen“ saß und, wenn ich mich recht erinnere, auch gewonnen hat. Oder der lange Abend im Münchner Brauhaus nach dem Wettbewerb….

Christian war nicht nur der Dirigent, er ist auch ein Freund. Ich wünsche ihm und seiner Familie für die Zukunft alles Gute und hoffe, wir haben noch viele schöne Abende bei guter Musik und einem leckeren Kaltgetränk zusammen!

Wiltrud Klein

Kürten, April 2024

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