40 Jahre Dirigent eines Orchesters: was für ein Jubiläum! Ein halbes Leben heutzutage! Als Christian Wiedemann 1977 die musikalische Leitung des Blasorchesters übernahm, war er gerade mal 22 Jahre alt. Nach dem Weggang des bisherigen Dirigenten, Herrn Willi Rupp, schien die Zukunft der ehemaligen Schützenkapelle Dürscheid damals eher fraglich: Es fehlte plötzlich nicht nur der über die Grenzen Kürtens hinaus bekannte Dirigent Willi Rupp, seines Zeichens Solo-Klarinettist beim WDR Orchester, sondern mit ihm verließen auch weitere verdiente Musiker das Orchester. Es gab diverse Kandidaten, die für die Stellung des Dirigenten vorsprachen und versuchsweise Proben abhielten; Leider erfüllte keiner der Kandidaten die Vorstellung von Vorstand und Mitgliedern …..

Im Vorstand hatte man letztendlich die Idee, dem jungen Flötisten aus der eigenen Jugend, Christian Wiedemann, das Dirigat anzutragen: Dieser Schritt erwies sich jedenfalls als Traumlösung! Mit dem Blasorchester Dürscheid von Kind an vertraut, als Flötist und Dirigent musikalisch selbst auf allerhöchstem Niveau agierend und sicher in Musikauswahl und Personalführung, erwies sich Christian als absoluter Glücksgriff über die gesamte Spanne von nunmehr 40 Jahren!

Christian Wiedemann wurde 1955 in Lüdenscheid geboren. Mit seinen Eltern, beide mit ihren Familien aus Schlesien vertrieben, und zwei jüngeren Brüdern zog er im Kindesalter nach Kürten- Dürscheid. Der Vater, selbst ambitionierter Mandola- Spieler, machte seine Söhne schon frühzeitig mit diversen Musikinstrumenten, z.B. Klavier, bekannt. Er träumte von einem Familien-Ensemble, daher sollte jeder Sohn ein anderes Instrument beherrschen. Auch Mutter Wiedemann ist musisch sehr begabt: Sie spielt zwar kein Instrument, singt aber nach wie vor sehr gerne und liebt vor allem die Malerei.

Dass Christian außergewöhnlich musikalisch war, bemerkte seine Tante bereits im frühesten Kindesalter: Der kleine Christian im Laufstall konnte zwar noch nicht sprechen, aber volkstümliche Evergreens wie „Mein Vater war ein Wandersmann“ vom Plattenspieler im Raum konnte er nach kürzester Zeit einwandfrei nachsummen. Ziemlich ungewöhnlich für ein Kleinkind….

In der Grundschule begann Christian mit dem Blockflöten-Unterricht, kurz danach folgten zusätzlich Klavierstunden; Auch an der Gitarre übte er sich. Zusammen mit seinen jüngeren Brüdern Andreas und Georg erhielt Christian diverse Instrumentalunterrichte. Auf dem Gymnasium schließlich entschied Christian sich für die Querflöte, während Andreas sich am Horn und Georg an der Klarinette ausbilden ließ. Schon in diesem jungen Alter hatte Christian sich für eine Karriere als Musiker entschieden. Noch während der Abiturphase bereitete sich Christian auf die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule Köln als Jungstudent vor; Dies wäre kein Vollstudium gewesen und sollte lediglich als Vorbereitung auf das eigentliche Studium dienen. Stattdessen schlug sein Dozent an der Rheinischen Musikschule vor, doch direkt die Aufnahmeprüfung für das Vollstudium abzulegen! Und so legte Christian während der Abiturprüfungen mal eben auch noch seine Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule im Hauptfach Querflöte/ Nebenfach Klavier mit großem Erfolg ab.

Neben den Instrumental-Studien interessierte sich Christian auch für Komposition und Dirigat. Was sicher die meisten von uns nicht wissen: Diese beiden Fächer gehörten nicht zu seinem Studium, also arbeitete er hier rein autodidaktisch! Wer jemals als Musiker eine von Christians Eigenkompositionen spielen durfte (oder musste….) wird zwangsläufig sein Faible für ungewöhnliche Taktarten und Tonarten kennengelernt haben. Sein Kompositionsstil hat für uns Laien schon einen extrem hohen Schwierigkeitsgrad. Es ist also kein Wunder, dass die Fachwelt sein Werk „Dido und Aeneas“ 1997 mit dem 2. Preis beim Kompositionswettbewerb Baden-Württemberg ausgezeichnet hat!

Während der Studienzeit gründetet Christian 1979 zusammen mit einigen Studienkollegen das „Marsyas Quintett“, ein klassisches Bläserquintett bestehend aus Querflöte, Klarinette, Oboe, Fagott und Horn. Das ambitionierte Ensemble erreichte binnen kürzester Zeit einen hohen Bekanntheitsgrad in der Klassikszene. Dies gipfelte in einem 3. Preis beim Kammermusikwettbewerb 1981 in Martigny in der Schweiz. Leider trennten sich die Wege der Mitglieder nach Beendigung des Studiums und das Marsyas-Quintett löste sich auf.

Auch Christian schloss 1981 sein Musikstudium ab und zwar mit der Note „Sehr gut“. Nun folgte ein Jahr mit Bewerbungen und Überlegungen, in welche Richtung die berufliche Laufbahn gehen solle, als zufällig in der Heimat eine Stelle als Küster und Chorleiter vakant wurde. Da Christian auch immer gerne mit Chören arbeitete und von Hause aus mit der katholischen Liturgie vertraut war, war dies eine für beide Seiten perfekte Lösung: Die Pfarrei St. Johannes der Täufer bekam einen Vollblut-Musiker als Organist und Chorleiter und Christian konnte neben seiner Berufstätigkeit weiterhin das Blasorchester Dürscheid dirigieren!

Um einen kurzen Eindruck von einer 40-jährigen Dirigenten-Tätigkeit zu vermitteln, nenne ich nachstehend einige verblüffende Eckdaten:

403 Konzerte hat das Blasorchester unter der Leitung von Christian Wiedemann aufgeführt!

An 12 Wettbewerben hat das BOD in der Höchststufe teilgenommen; Darunter 1981 das erste Wertungsspiel in Heilbronn, bei welchem das BOD unter seiner Leitung in der Höchststufe die volle Punktzahl von 120 möglichen Punkten erreichte. Zuletzt 2014 beim Landesmusikwettbewerb in Soest, wo wir in der Höchststufe Platz eins erreichen konnten. Die durchweg hervorragenden Benotungen der Wertungsrichter sowohl bei Landes- als auch bei Bundesmusikwettbewerben verhalfen dem Blasorchester mit seinem Dirigenten zu einem hohen Ansehen in der Musikwelt weit über die Grenzen Dürscheids hinaus!

Nun aber die bemerkenswerteste Zahl: Unfassbare 1990 Proben, davon 482 Satzproben, hat Christian in den vierzig Jahren geleitet. Hinzu kamen insgesamt 14 Probe-Wochenenden, also komplette Samstage und Sonntage. Hier die Musiker bei Laune zu halten und ständig weiter zu motivieren, gehört sicher zu seinen größten Verdiensten. Die drei bekanntesten Probleme eines Blasmusikers „kein Ansatz, nicht geübt und keine Lust“ hat er sicher mehr als einmal bei jedem einzelnen von uns zu spüren bekommen?!

Wie jedes Laienorchester muss auch das Blasorchester Dürscheid mit dem Umstand leben, dass eine ständige Fluktuation unter den Musikern herrscht: Die Musiker aus dem eigenen Nachwuchs verließen das Orchester früher regelmäßig in Richtung Bundeswehr, heute eher in Richtung Studium; Die älteren Orchestermitglieder geben ihr Hobby aus Altersgründen auf und bei vielen Mitgliedern in mittlerem Alter lassen sich Beruf und Orchester nicht mehr vereinbaren. Ganz sicher ist dies für den Dirigenten ein großes Problem, denn ein eingespieltes Orchester kann im nächsten Jahr aufgrund von Austritten und Neueintritten musikalisch ganz anders aussehen. Dass Christian es trotz dieser Widrigkeiten geschafft hat, das hohe musikalische Niveau des Blasorchesters Dürscheid über vierzig Jahre nicht nur zu erhalten, sondern ihm auch seinen eigenen Stempel aufzudrücken, ist absolut bemerkenswert.

Wir Musiker würden uns wünschen, dieser Zustand könne ewig andauern…. Zumindest für die nächsten Jahre gibt es glücklicherweise auch bei Christian noch Pläne mit dem Orchester: Sowohl ein Landes- als auch ein Bundesmusikfest stehen 2018, bzw. 2019 an und Christian möchte auf jeden Fall noch einmal an einem Musik-Wettbewerb mit dem Blasorchester teilnehmen. Im Interview machte er deutlich, dass motivierte Musiker für ihn den höchsten Ansporn liefern! Also liegt es auch an uns, wie lange wir noch mit Christian arbeiten dürfen.